Sekten - ist der CVJM eine?

Letztlich gab es einen Aufmacher (eine Titelstory) im Stern, der uns alle hier im CV bewegte. Es wurden die Teilnehmer des Jesusmarsches in Berlin letztes Jahr ebenso wie charismatische Gemeinden auf die gleiche Stufe gestellt, wie auch die jetzt in den Schlagzeilen stehende Aum-Sekte in Japan oder die Baggies oder die Harrys. Die Frage, was eigentlich eine Sekte ausmacht, beschäftigte mich allerdings schon länger.
•         Was denkst Du ? Was ist eine Sekte? Kannst Du Deine Meinung auch begründen?
Gehen wir die Frage mal so an, wie es wahrscheinlich der Autor des Stern-Artikels gemacht hat.:

1. Fremdwörterlexikon

Zitat "Auf Deutsch" von AM Textor: "Sekte w. (lat.) relig. Sondergemeinschaft außerhalb der Landeskirche"
Oha. Dadurch, daß ich Mitglied der Ichtys-Gemeinde bin, muß ich nach dieser Definition ein Sektierer sein. das ist deprimierend. Das wußte ich nicht. Frage ist hier wohl auch: Was ist die Landeskirche? Entweder das, was wir als evangelische Kirche, hier in Deutschland fast immer ev. luth., oder katholische Kirche bezeichnen. Rö-Kath. weil römisch-katholisch - es gibt ja noch andere Katholiken. Oder die vorwiegende Denomination? Dann wäre das z. B. in USA wohl eher die Baptisten. Dort ist eine "Landeskirche" unbekannt. Also gilt diese Definition nur hier, da hier Landeskirche der Teil der landesweit vertretenen Glaubensrichtungen christlichen Ursprungs ist, der Kirchensteür bekommt. Die sammelt der Staat ein, also darum Landeskirche. Oder sind alle anderen Länder von Sektierern überschwemmt? Diese Definition kann nur für Deutschland gelten.

Es lohnt sich hier, einen Blick auf die Geschichte der Kirchen zu werfen, um zu verstehen, wie unsere dominanten Denominationen "Landeskirche" werden konnten. Diesen Blick tun wir später.

Aber erst einmal gehen wir weiter in der Frage: Wie definiere ich Sekte?

Soweit, noch eine Qülle zu fragen, kam der Stern-Autor offensichtlich nicht.

2. Religionswissenschaftlich

Zitat: " 'Jugendsekten' in Deutschland", Albert Cornelius Schäffler: " Die wohl einzige mögliche Verwendung des Wortes 'Sekten' wäre die, daß man jeweils Abspaltungen innerhalb einer Religion (Konfession ) kennzeichnet. (...) Für den christlichen Bereich würde dies bedeuten, daß solche Gemeinschaften, die die christliche Botschaft in irgendeiner Weise verändern, indem sie sie z. B. ergänzen, als 'Sekten' bezeichnet werden könnten. Dies ist innerhalb der christlichen Religion die gebräuchlichste Verwendung."

Aha. Damit kann ich was anfangen. Schäffler wäre allerdings kein Religionswissenschaftler, wenn er nicht noch mehr Definitionen in seiner Abhandlung aufführte.

3. Theologisch Sekte "ist eine primär religionsbezogenes Gebilde mit folgenden Merkmalen: Es steht kleinzahlig neben einem umfassendem Gebilde, die Mitglieder fühlen sich als Elite, pflegen enge gemeinschaft untereinander, halten an speziellen Unterschieden oft scheinbar geringfügiger Natur fest, assimillieren sich langsamer und erleiden u. U. Verfolgung, Rechtsvorenthaltungen und Prestigeverlust. Die Führung ist weniger bürokratisch und stärker charismatisch." (RGG, Bd. V, 1657 P. Honigsheim)

So. Jetzt haben wir also auch die Theologen, also die Theoretiker unter den vermeintlich Gläubigen. Diese Definition ist unbrauchbar, weil sie in weiten Zügen auf so ziemlich jede Gruppierung neben den Großkirchen zutrifft.

Was können wir aus all' dem für uns ziehen?

Offensichtlich kommt es auf den eigenen Standpunkt an, ob man sich einer Sekte gegenüber wähnt oder nicht. Jeder scheint die ihm angenehmste Definition zu wählen, wobei jede für sich plausibel erscheint. Ich möchte mich da dem Religionswissenschaftler Schäffler anschließen und feststellen, daß im eigentlichen Wortsinn, ohne jede negative Vorbelastung, nur Abspaltungen innerhalb einer Konfession gemeint sein können. Jedoch aufgrund der durch die Medien implizierten negativen Wertung ist diese Wortsinnanwendung unmöglich geworden. Somit bleibt für mich aus meinem christlichen Hintergrund heraus nur die weiter von ihm hervorgehobene Tatsache, daß, wie es auch Paulus schrieb, eine Sekte ist, die Gottes Wort etwas hinzufügt oder es abändert, Teile davon aufhebt.

Schäffler kommt zum Schluß: "somit bleibt die (..) in die Diskussion gebrachte Bezeichnung 'Jugendreligion' übrig." und disqualifiziert sie auch sofort: "da der Sammelbegriff Religionsgemeinschaften unterschiedlichster Art absichtlich mit negativer Intention nebeneinander stellt, liegt eine große Gefahr dann, daß irgendwelche anderen Gemeinschaften ebenso (unbewußt) mit dem gleichen Raster belegt werden können."

Wer also von Jugendreligionen oder Sekten spricht, muß sich erst mit dem Gesprächspartner (ist er Christ?) über die Definition der Begriffe einigen und dann weiter im Blick haben, daß das Thema durch diese Worte nicht faßbar ist. Es sollte immer der Zusatz kommen: "gefährlich" oder "gesundheitsschädlich".

Wo bleibt da der CVJM?

Der CV versteht sich als ein interkonfessioneller Treffpunkt aller jungen Menschen, die Jesus Christus als ihren Gott und Erretter ansehen. Die Bibel ist die Grundlage, auf der wir unsere Zusammenarbeit begründen. Aus weltlicher Sicht können wir, ebenso, wie jede Freikirche auch, als Sekte gesehen werden. Einem Außenstehenden kann unsere praktizierte Gemeinschaft und ihre Ausprägungen sonderbar erscheinen. Es gibt keine andere Möglichkeit, als Gott real existent und Jesus Christus als Erretter für das eigene Leben anzürkennen, um für sich selbst eine Entscheidung zu treffen, ob unser Leben und unsere Überzeugungen sektiererisch sind. Jeder hat die Freiheit für sich zu entscheiden, ob es wahr ist, daß JC am Kreuz starb und wieder auferstand oder nicht. Jeder, der dies für sich entschied, kann und muß sich immer wieder aufs neü prüfen, ob es für ihn immer noch wahr ist oder nicht. Dies nennt sich Freiheit im Glauben und ist den meisten sogenannten Sekten fern.

Wo bleiben die anderen?

Gute Frage. Da der Umfang meines Vortrags gesprengt werden würde, wenn ich "die anderen" (Sekten im christlichen Sinne), porträtierte, will ich mich auf folgenden Gedanken beschränken: Die anderen sind immer nicht wir. Der Blick von uns weg zu einer Gruppierung, auf die man herabschaün kann, lenkt nur ab von dem Zustand unseres Herzens, unseres Glaubens. Wichtig ist, den eigenen Standpunkt zu bestimmen. Dies drückte Gott aus, als er Johannes das Sendschreiben an Laodizea diktierte: "Ich kenne Deine Werke , daß Du weder kalt noch heiß bist." (Off. 3, 15a) Wir sollen und müssen Stellung beziehen...

Zentrale Fragen sind für uns:

Zur Zeit gibt es noch viele Konfessionen, die alle sagen, sie hätten die Wahrheit. Selbst in der allerersten Gemeinde gab es Streit über die Wahrheit. (->Apg. 15). Schon damals gab es Abspaltungen, Christen und Judenchristen entstanden. Die einen wollten weiter das jüdische Gesetz beibehalten, die anderen wußten um den Wert der Gnade - von der das gesamte NT spricht. Nahezu alle Briefe Paulus' entstanden, weil es Irrlehre in den Gemeinden gab. Lesen wir den Galaterbrief, hören wir von den unverständigen Galatern, "wer hat Euch bezaubert" Gal. 3, 1. Weiter sagt er: "selbst eines Menschen rechtkräftig festgelegtes Testament hebt niemand auf oder fügt etwas hinzu." Gal. 3, 15 - aber genau das taten die Menschen immer wieder und gründeten Konfessionen aller Art - Abspaltungen oder Sekten.

Wenn JC zurückkommt, wird es ein Ende haben mit der Frage, wer hat Recht? Es wird nur noch einen Leib Christi geben und ER wird bestimmen, wer zu ihm gehört. Wenn Du vor Gott als Fürsprecher nicht Jesus Christus hast, sondern denkst, der Papst oder sonst irgendwer wird sagen: Der war in meiner Gemeinde, der ist auch gerettet, wirst Du sicher enttäuscht werden. Nur Jesus Christus ist der Weg und die Wahrheit und das Licht, das steht so in der Schrift und jeder kann es nachlesen. Für mich gibt es nur einen Gott, einen Glauben, die Konfessionen sind nicht wichtig. Jesus Christus ist der Herr, er kam in Fleisch und Blut auf die Erde, um uns das Evangelium zu verkünden, wurde ans Kreuz geschlagen für unsere Sünden und erstand wieder auf. Das sagt mir die Schrift.


© R. Otto Heydorn, 1996-2000

Jetzt aber noch zu dem Blick in die Geschichte, der uns verstehen helfen soll, wie es zu dem Konfessionswirrwarr heutzutage kam.

Kurzer Abriß der Geschichte der Kirche

 
Auferstehung, Entstehung des NT  33-100 n. C.
Christenverfolgung  100-311
Konstantin wird Kaiser des Römischen Reiches  323
Konstantin (ein Heide) setzt Christentum als Staatsreligion ein, aus Gründen der besseren Staatsführung 325
1. Allgemeine Kirchen Versammlung (AKV), Nizäa; Gründung der katholischen (universellen) Kirche 325
Konstantinopel (Istanbul) wird Hauptstadt des Römischen Reiches, katholische Kirche gewinnt Macht 330
Konstantin stirbt, Beginn der Verfolgung Ungläubiger  337
4. AKV, Chalcedon; 1. Wahl des Papstes", Innocent I., (zum Begriff "Heiliger Vater" Joh. 17,11ff); erstmalige Erwähnung Petrus" als Gründer der Rö.-Kath. Kirche; große politische Veränderungen, Germanen fallen in Rom ein, Römisches Reich zerfällt 451
"Hochzeit" der Päpste, größte Machtfülle (Kreuzzüge, Urban I.; Zölibat, Gregor VII.; Machtmittel:Exkommunikation und Interdikt = Entzug des Zugangs zum Himmelreich, der Gnade Gottes) 1050- 1215
Frankreich:Veröffentlichung "Defensor Pacis": Menschen haben die Autorität; Renaissance beginnt 1324
John Wycliffe versucht als erster, die Bibel zu übersetzen  1376
Humanistische Päpste (Humanismus = Menschen im Mittelpunkt) 1447
Heinnch VIII. gründet die Kirche von England (->Scheidung sollte möglich werden) 1485
Rückkehr zur Schrift: Luther löst die Reformation aus, Zwingli (Zürich), Calvin (Genf), (->Druckpresse) 1517 -1546
Konferenz über die Taufe (Hubmaier, Zwingli, Manz), Zürich  1523
William Tyndale übersetzt die Bibel ins Englische  1525 -1526
" wird ermordet  1537
30 jähriger Krieg, Frontenverlauf vom Ende ist noch heute bestimmend für die vorherrschende Konfession in einer Region 1618 -1648
Baptisten (Roger Williams)  1644
Methodisten (John Wesley)  1738
CVJM (Weltbund)  1855
Papst Pius IX. verkündet Unfehlbarkeit, Altkatholiken spalten sich von der Rö.-Katholischen Kirche ab 1870

Quelle (Tabelle): Pastor J. Wayne Jenkins, Sept. 1994, Falkenstein/Regensburg